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Freitag, 10. April 2015

5. Akt, 6. Szene

Luise kommt mit der Limonade, mit rot geweinten Augen und zitternder Stimme, bringt dem Major das Glas auf einem Teller: Sie sagen mir, wenn sie nicht stark genug ist.
F nimmt das Glas, setzt es wieder ab und dreht sich zu Miller um: Oh, beinahe hätte ich es vergessen, darf ich Sie um etwas bitten, Miller? Mögen Sie mir einen kleinen Gefallen tun?
M: Gerne! Was befehlen Sie?
F: Man wird mich zum Essen erwarten. Leider habe ich heute sehr schlechte Laune, daher ist es mir unmöglich unter Menschen zu gehen. Mögen Sie zu meinem Vater gehen und mich entschuldigen?
L erschrickt, ruft schnell: Das kann ich auch machen!
M: Zum Präsidenten?
F: Nicht zu ihm selbst. Teilen Sie es dem Kammerdiener mit. Zu Ihrer Legitimation ist hier meine Uhr. Ich bin noch da, wenn Ihr wiederkommt.
L sehr ängstlich: Kann ich das nicht besser machen?
F zu M, der schon im Weggehen ist: Halt, und noch etwas! Hier ist ein Brief an meinen Vater, den ich heute Abend erhalten habe. Vielleicht ist er dringend. Können Sie den auch noch mitnehmen?
M: Schon gut, Baron!
L hängt sich an M, hat entsetzliche Angst: Aber mein Vater, das könnte auch ich alles besorgen.
M: Dann wärst du aber allein und es ist finstere Nacht, meine Tochter. (geht)
F: Leuchte deinem Vater, Luise. (L leuchtet ihrem Vater, F wirft Gift in die Limonade). Ja! Sie soll sterben! Der Himmel stimmt mir zu!...

Donnerstag, 9. April 2015

5. Akt, 5. Szene



5. Akt, 5. Szene



Miller kommt zurück



M: Sie werden gleich bedient werden, Baron. Draußen sitzt das arme Ding und will sich zu Tode weinen. Sie wird Ihnen mit der Limonade auch Tränen zu trinken geben.

F: Und wohl, wenn ´s nur Tränen wären! … Wo wir eben von Musik gesprochen haben, Miller (nimmt sein Portemonnaie) Ich bin noch Schuldner.

M: Wie? Was? Für wen halten Sie mich, Baron?

F: Nehmen Sie nur! Es ist für Leben und Sterben.

M (lachend): O, deswegen, Baron! Der Fall wird nicht eintreten!

F: Haben Sie nie gehört, dass Kinder sterben? Kinder der Hoffnung? Was Wurm und mein Alter nicht tun, kann oft ein Donnerschlag ausrichten. Auch Ihre Luise ist nicht unsterblich.

M: Ich habe sie von Gott.

F: Ich habe ihm gesagt, dass sie nicht unsterblich ist. Diese Tochter ist sein Augapfel. Er hängt mit Herz und Seele an ihr. Seien Sie vorsichtig Miller! … Warum nehmen Sie mein Geld nicht?

M: Was, Herr? Das ganze Portemonnaie? Wohin denken Sie?

F: Ich denke an meine Schuldigkeit! Da! (Wirft den Geldbeutel auf den Tisch, sodass Goldstücke herausfallen) Ich kann den Quark nicht eine Ewigkeit so halten.

M (bestürzt): Was, beim großen Gott? Das klang nicht wie Silbergeld! (Er tritt zum Tisch und ruft mit Entsetzen) Um Himmels Willen, Baron? Baron? Wo sind Sie? Was machen Sie? (Mit zusammengeschlagenen Händen) Hier liegt ja – oder bin ich verhext, oder – Gott verdamm mich! Da greif ich ja das bare, gelbe, leibhafte Gottesgold. Nein, Satan! Du sollst mich nicht dran kriegen!

F: Haben Sie alten oder neuen Wein getrunken, Miller?

M: Donner Wetter! Schauen Sie nur – Gold!

F: Und was nun weiter?

M (nach einigem Schweigen zu ihm gehend): Gnädiger Herr, ich bin ein schlichter, gerader Mann, wenn Sie mich etwa zu etwas Illegalem anstiften wollen, denn so viel Geld lässt sich weiß Gott nicht mit etwas Gutem verdienen.

F (bewegt): Seien Sie ganz getrost, lieber Miller. Das Geld haben Sie längst verdient …

M: Wie verdiene ich denn dieses Reichtum?

F: Nicht mit Ihrem Musikunterricht, mit diesem Geld bezahle ich Ihnen den dreimonatelangen Traum von einer glücklichen Tochter. ... Das Geld bleibt bei Ihnen, ich reise ab in ein Land, in dem keine Passstempel gelten.

M: Also bleibt das Geld meins? Bleibts? Es tut mir leid, dass sie verreisen, aber ich will auf den Markt gehen und dort meine Musikstunden geben und am Tag der heiligen Drei Könige teuren Tabak rauchen und wenn ich dann wieder arm bin, soll mich der Teufel holen. (Will fort)

F: Bleiben Sie! Schweigen Sie! Tun Sie mir den Gefallen und bleiben noch heute hier und schweigen. Und geben Sie von heute an keinen Musikunterricht mehr.

M: Eigentlich ist mir das Geld egal, satt bin ich doch immer geworden. Aber Luise soll den Segen erhalten, alles, was ich ihr an Wünschen von den Augen lesen kann, soll sie erhalten. Sie soll Französisch lernen, und Gesellschaftstanz tanzen können, singen, und von der Geigerstochter soll man im Umkreis von vier Meilen reden!

F (ergreift seinen Hand): Nichts mehr! Nichts mehr! Um Gottes willen, schweigen Sie! Schweigen Sie nur noch heute, dass ist der einzige Dank, den ich von Ihnen verlangen!

Mittwoch, 8. April 2015

5. Akt, 4. Szene


Ferdinand alleine


Das einzige Kind! Fühlst du das, Mörder? Das einzige! Mörder! Hörst du, das einzige? Der Mann hat auf dieser Welt nichts als seine Instrumente und sein einziges Kind! Und du willst es ihm rauben?

Willst du dem Bettler seinen letzten Notpfennig klauen? Dem Lahmen die Krücke zerbrechen? Und wenn er dann heimeilt, um die Freude auf dem Gesicht seiner Tochter zu sehen, und sie daliegt, die Blume – welk – tot; mutwillig zertreten die letzte, einzige Hoffnung.

Aber auch mein Vater hat diesen einzigen Sohn, doch er ist nicht das einzige Reichtum!

Wird das Mädchen nach meinem Tod noch ihren Vater glücklich machen können? – Es wird nicht! Es wird nicht! Und ich verdiene den Dank, dass ich die Natter (Schlange) zertrete, bevor sie auch noch den Vater verwundet.

Montag, 6. April 2015

5. Akt, 3. Szene

M (mit trauriger Miene): Lieber Baron, kann ich Ihren Unmut vielleicht lindern, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich Sie herzlich bedaure?
F: Lassen Sie es gut sein, Miller. (Geht einige Schritte). Miller, ich weiß gar nicht mehr, wieso ich überhaupt das erste Mal zu Ihnen kam...
M: Wie, Herr Baron? Sie wollte bei mir Flötenunterricht nehmen. Das wissen Sie nicht mehr?
F (rasch): Ich habe Ihre Tochter gesehen. ... (düstern grübelnd) Seltsam, o unbegreiflich seltsam spielt Gott mit uns. An dünnen, unmerkbaren Seilen hängen oft schwere Gewichte. (erfasst Millers Hand) Mann! Ich bezahle dir den Unterricht ein bisschen zu teuer, aber du gewinnst noch nicht einmal! Nein, auch du verlierst, verlierst vielleicht alles (geht von ihm weg) Unglückseliges Flötenspiel, das mir nie hätte einfallen sollen.
M (versucht seine Rührung zu verbergen): Luise braucht ziemlich lange, um die Limonade zu holen. Ich denke, ich werde mal nach ihr sehen, wenn Sie es mir nicht übel nehmen.
F: Es eilt nicht, lieber Miller. (Murmelnd) Was wollte ich ihn sonst noch fragen? Ach ja! Ist Luise Ihre einzige Tochter? Haben Sie keine anderen Kinder?
M: Ich habe keine anderen, ich wünsche mir aber auch kein anderes. Das Mädel ist genauso recht, um meine ganze Vaterliebe zu verdienen.
F (heftig erschüttert): Sehen Sie doch nach dem Getränk, guter Miller!

Miller geht ab

Montag, 29. Dezember 2014

5. Akt, 2. Szene

Ferdinand tritt hinzu; Luise entdeckt ihn und wirft sich ihrem Vater um den Hals

L: Gott! Da ist er! Ich bin verloren!
M: Wo? Wer?
L: Er! Sieh hinter dich! Er ist gekommen, um mich zu ermorden!
M erblickt Ferdinand: Was machen Sie denn hier?
F kommt langsam näher und bleibt gegenüber von L stehen, betrachtet sie: Guten Abend Miller.
M: Was wollen Sie hier?
F: Wie kommt es, dass ich Sie überrasche?
M: Gehen Sie, wenn noch ein Funke Menschlichkeit in Ihnen steckt. Sie vertreiben den Segen aus meinem Haus und bringen das Elend mit sich.
F: Ich bin doch gekommen, um deiner Tochter etwas Erfreuliches mitzuteilen.
M: Etwa neue Hoffnungen, die sie zur Verzweiflung treiben? Geh, du Unglücksbote!
F: Lady Milford ist gerade geflohen und mein Vater erlaubt es mir, dich zu heiraten. Nun bin ich gekommen, um dich zum Altar zu führen.
M: Macht es Ihnen so viel Spaß sich über Luises getäuschte Hoffnungen lustig zu machen?
F: Du glaubst ich scherze. Aber ich schwöre bei meiner Ehre, dies tue ich nicht. Meine Aussage ist genauso wahr wie meine Liebe zu Luise. Zweifelst du noch? Es muss hier üblich sein zu lügen, wenn man meiner Wahrheit nicht traut. Zweifelt ihr immer noch? So glaubt diesem Brief! 
F. wirft Luise den Brief an den Hofmarschall zu, diese faltet diesen auseinander und sinkt leichenblass nieder.
M: Was soll das bedeuten? Ich verstehe das nicht.
F: Aber Luise hat mich umso besser verstanden.
M: Meine Tochter!
F: Bleich wie der Tod! So gefällt sie mir, deine Tochter. So schön war sie noch nie. Es ist ihr erstes wahres Gesicht. Lass es mich küssen! (Will auf Luise zugehen)
M: Zurück! Weg! Vor deinen Lobkosungen konnte ich sie nicht beschützen, vor deinen Misshandlungen aber wohl!
F: Was willst du? Misch dich nicht in unsere Angelegenheiten ein. Luise, hast du diesen Brief geschrieben? Er ist in die falschen Hände geraten. Der Zufall hat mir einen besseren Dienst geleistet als die Vernunft. Ich möchte eine Antwort! Hast du diesen Brief geschrieben?
L nach einem qualvollen Kampf, nach Gesprächen mit ihrem Vater durch Blicke, fest und entschieden: Ich habe ihn geschrieben.
F bleibt erschrocken stehen: Luise! Nein! Du lügst! Ich habe zu heftig gefragt, nicht wahr, du hast es nur gesagt, weil ich zu heftig gefragt habe.
L: Ich habe bekannt, was wahr ist.
F: Nein! Nein! Nein! Du hast ihn nicht geschrieben! Deine Handschrift wurde gefälscht! Sag einfach, dass du den Brief nicht geschrieben hast - egal ob wahr oder falsch. Hast du diesen Brief geschrieben?
L: Ja, bei Gott!
F (nach einer Pause, gequält von fürchterlichem Schmerz): Weib! Weib! Du wusstest, dass du mir alles bedeutest...
L: Nun haben Sie mein Geständnis. Gehen Sie! Verlassen Sie ein Haus, in dem Sie nur unglücklich sind.
F: Noch eine letzte Bitte, Luise. Mir ist so heiß. Holst du mir bitte ein Glas Limonade?
Luise geht ab

Sonntag, 28. Dezember 2014

5. Akt, 1. Szene

Luise sitzt in einer finstren Ecke. Miller tritt ein und leuchet ängstlich im Zimmer herum, kann Luise aber nicht entdecken.

M: Hier ist sie auch nicht. Ich habe schon überall gesucht, aber sie ist nirgendwo. Ich muss geduldig sein und bis morgen warten. Vielleicht wird ihre Leiche dann ans Ufer gespült.
L: Lerne rechtzeitig zu verlieren.
M: Luise? Luise? Warum sitzt du denn da so einsam und ohne Licht?
L: Bei Dunkelheit kommen meine besten Besucher.
M: Gott bewahre dich! Nur Sünden und böse Geister scheuen das Licht!
L lässt M einen Brief lesen:
Du bist verratne, Ferdinand. Ein Streich zerriss den Bund unserer Herzen, ich musste einen Eid leisten, der mich zum Schweigen verpflichtete. Dein Vater hat überall Spione aufgestellt. Aber ich kenne einen dritten Ort, an den mich kein Ort mehr bindet und wo keiner lauscht. (Miller hält inne). Aber dafür musst du mutig sein, denn dort leuchten dir nur Gott und ich. Du musst nur deine Liebe mitbringen. (Miller legt den Brief zur Seite) Wo ist dieser dritte Ort?
L: Kennst du ihn nicht? Ich kenne kein schönes Ort. Der dritte Ort, guter Vater, ist das Grab.
M (geht schwankend zum Sessel): Oh mein Gott! Was hast du vor, meine Tochter? Willst du Suizid begehen?
L: Nenn es nicht so. Ich möchte nur zu einem besseren Ort. Ist das denn Sünde?
M: Selbstmord ist die abscheulichste aller Sünden, weil man sie nicht bereuen kann.
L: Doch. Ich werde in den Fluss springen und beim Hinuntersinken Goot um Erbarmen bitten.
M: Achte darauf, dass du Gott nicht verspottest! ... Hier ist ein Messer - durchstich dein Herz und damit auch meines! Wenn die Küsse Ferdinands heißer brennen als meine Tränen - stirb!
L zerreißt den Brief
L: Ich will am leben blieben. Doch lass uns weg gehen von hier, wo wir nur verspottet werden.
M: Wohin du nur willst.

Samstag, 27. Dezember 2014

4. Akt, 9. Szene

Lady Milford schreibt. Der Kammerdiener tritt ein.

Kammerdiener: Der Hofmarschall wartet darauf einzutreten.
LM: Wer? Was? - Die Sorte von Geschöpfen (Luise) ist zu niederen Arbeiten bestimmt. Der Horfmarschall soll hereinkommen.
Lady schreibt weiter
S: Ich bin erschrocken. Luise stürzte an mir vorbei, Sie führen Selbstgespräche... Was ist geschehen?
Lady redet weiter mich sich selbst. Schimpft über Ferdinand und Luise.
H: Sie scheinen mir zerstreut zu sein, Lady. Der Fürst schickt mich um zu fragen, was heute Abend ansteht.
LM: Ich weiß es nicht. Bringen Sie dem Herzog diese Karte zum Dessert. Sophie, lassen Sie die Pferde einspannen und rufen Sie alle meine Angestellten zusammen.
H: Sind Sie aufgebracht, Lady?
LM: Dann muss ich ja nicht lügen. Es wird eine Stelle (die der Mätresse) frei. Lesen Sie, was ich schrieb. Der Inhalt darf ruhig verbreitet werden, er soll sorgar.
Die Angestellten treten ein.
H liest vor: Gnädigster Herr, einen Vertrag, den Sie so leichtsinnig gebrochen haben, kann mich nicht mehr halten. Das Glück dieses Landes war die Bedingung meiner Liebe. Drei Jahre lang konnten Sie mich betrügen. Nun aber habe ich die Wahrheit erkannt. Ich verabscheue Ihre Zuneigungsbezeugungen, für die Ihre Untertanen leiden müssen. Schenken Sie Ihre Liebe lieber Ihrem Lande als mir und lernen Sie Erbarmen gegenüber Ihrem Volk. In einer Stunde bin ich über die Grenze. Johanna Norfolk.
Die Angestellten murmeln bestürzt durcheinander: Über die Grenze?
H legt die Karte bestürzt nieder: Sowohl der Überbringer als auch die Schreiberin wird getötet werden.
LM: Das soll deine Sorge sein.
H: Bedenken Sie doch, in welche Ungnade Sie sich begeben.
LM wendet sich Ihren Angestellten zu: Meine Lieben, ihr seid bestürzt. Ihr habt mir gut gedient. Es ist ein trauriges Schicksal, dass meine schlimmsten Tage eure glücklichsten werden. Ich entlasse euch. Der Schatzmeister soll euch mit meinen Besitzen entlohnen. (Reicht ihren Angestellten ihre Hände, die aller nacheinander leidenschaftlich küssen). Lebt wohl! (Man hört den Wagen vorfahren, LM will los, doch H versperrt ihr den Weg) Was willst du denn da?
H: Diese Karte soll ich dem Fürsten geben?
LM: Ja. Und ich möchte nach Loretto (italienischer Wallfahrtsort) um micht dort von dem Dreck meiner Tätigkeit zu reinigen. (Eilig geht sie ab)
 

Donnerstag, 18. Dezember 2014

4. Akt, 8. Szene

Lady Milford alleine; sie starrt auf die Tür, welche L eilig verließ.

Wie war das? Was geschah mit mir? Ihre Worte klingen mir noch immer in den Ohren: Nehmen Sie ihn! Wen soll ich nehmen? Das greuenhafte Vermächtnis deiner Verzweiflung? Bin ich so tief gesunken, dass ich sehnlich erwarte was mir eine solche Bettlerin während ihres letzten Todeskampfes sagen wird? Bin ich so tief gesunken? Nein, ich entsage ihm!
Geht mit majestätischen Schritten auf und ab.
Nun sei die Großmut allein meine Führerin! Dieses liebende Paar ist verloren. Sämtliche Verbindungen zwischen mir und dem Herzog sind zerbrochen. Ich werfe mich in deine Arme, Tugend. Ich bin deine reuige Tochter! Nimm sie auf! Ich will fliehen!

Sie setzt sich und beginnt zu schreiben.

Donnerstag, 11. Dezember 2014

4. Akt, 7. Szene

Luise komt schüchtern herein und bleibt mit großem Abstand von Lady Milford stehen. Lady Milford hat ihr den Rücken zugewandt.

L: Ich erwarte Ihre Befehle.
LM: (dreht sich zu Luise) Ah, Sie sind hier. Wie hießen Sie nochmal?
L: Mein Vater heißt Miller und Sie haben seine Tochter rufen lassen.
LM: Ah, genau. Die arme Geigerstochter, von der neulich die Rede war. Interessant, aber keine Schönheit. Treten Sie näher, mein Kind. Ihre Augen weinten oft. Komm nur näher oder fürchtest du mich etwa?
L: (entschieden) Nein, ich verachte das Urteil der Menge.
LM: Diesen Trotzkopf hat sie von ihm. Sie wurden mir empfohlen, Sie sollen waas gelernt haben. Ich möchte Ihrem Fürsprecher (= Ferdinand) nur allzu gerne glauben.
L: Ich kenne keinen, der mir eine Arbeitgeberin suchen würde.
LM: Wie alt sind Sie denn?
L: Sechszehn Jahre alt.
LM: Die erste Liebe also. (Freundlich gibt sie ihr die Hand) Ich möchte dich glücklich machen. Sophie wird heiraten und du sollst ihre Stelle erhalten.
L: (küsst ihr ehrerbietig die Hand) Ich danke Ihnen, doch ich darf Sie nicht annehmen.
LM: Sonst sind junge Frauen doch immer glücklich, wenn sie Arbeit finden. Sind Sie sich etwa zu schade, um zu arbeiten? ... Warum begaffen Sie mich so?
L: Entschuldigen Sie, ich war nur dabei, den armen Rubin zu beweinen, dessen Besitzerin die Eitelkeit so stark verurteilt.
LM: (errötet) Lenken Sie nicht ab! Wenn Sie sich nicht zu gut sind, um den Job anzunehmen, was hält Sie dann davon ab?
L: Meine bürgerliche Unschuld. ... Es tut mir leid, dass ich eine Affäre mit Ferdinand begonnen habe.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

4. Akt, 6. Szene

LM: Hast du sie gesehen? Kommt sie?
S: Ja, sie wollte sich noch schnell umziehen.
LM: Erzähl mir nichts von ihr. Wie verhielt sie sich als du ihr meine Einladung übermittelt hast?
S: Sie schien bestürzt zu sein, wurde nachdenkend, sah mich mit großen Augen an und schwieg. Ich hatte mich bereits auf ihre Ausflüchte vorbereitet. Doch sie gab mir zu Antwort: "Ihre Dame befiehlt, was ich morgen selber erbitten wollte."
LM: (unruhig) Beklage mich. Wenn sie nur eine gewöhnliche Frau ist, werde ich erröten, und wenn sie mehr ist, verzage ich.
S: Erinnern Sie sich doch daran, wer Sie sind. Sie sind von Rang, haben Macht. (boshaft) Ist es etwa Zufall, dass Sie heute Ihre kostbarsten Brilliaten tragen? Sich heute im reichsten Stoff kleiden? Dass es hier vor Bediensteten nur so wimmelt und Sie das Bürgermädchen im fürstlichen Saal Ihres Palastes erwarten?
LM: (erbittert) Verflucht! Dass Frauen für Frauenschwächen solche Luchsaugen haben! Wie tief muss ich gesunken sein, dass du mich ergründest! Verschwinde, Sophie! (drohend) Ich befehle es! (Sophie geht) Nun bin ich so wütend, wie ich wünschte. (Zum Kammerdiener) Das Bürgermädchen soll hereinkommen. (Legt sich aufs Sofa und nimmt eine vornehm-nachlässige Lage ein)

Dienstag, 9. Dezember 2014

4. Akt, 4. + 5. Szene

F: Ich bin verloren! Du (Luise) bist verloren! Wir sind beide verloren! Luise ist mein Mädchen. Ich habe alles für sie getan. Bitte, Gott, lass mir mein Mädchen! Ich würde alles dafür tun! (Der Präsident kommt herein) Oh, mein Vater!
P: Gut, dass ich dich treffe, Sohn. Ich darf dir etwas Angenehmes verkünden und es wird dich sicherich überraschen.
F: (Starrt seinen Vater an) Mein Vater! Oh mein Vater! (geht zu P, küsst ihm seine Hand und fällt vor ihm nieder)
P: Was ist mit dir?
F: Verzeih mir! Ich habe nicht erkannt, dass du es nur gut zu mir meintest! Du hattest erkannt, dass ich betrogen wurde! Doch jetzt ist es zu spät! Verzeih mir!
P: Steh auf! Du sprichst in Rätseln!
F: Luise, mein Vater, deine Wut war so gerecht, so väterlich. Nur ich verstand es nicht!
P: Folter mich nicht! Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen!
F: Du solltest mich verfluchen! Luise, mein Vater ...
P: ... ist ein edles, liebes Mädchen. Ich muss meinen übereilten Verdacht widerrufen.
F: (springt entsetzt auf) Auch du? Auch dich hat sie getäuscht? Diese Millerin, Vater ...
P: ... ist es wert, meine Tochter zu sein. Ich rechne ihre Tugend für Ahnen und ihre Schönheit für Gold. Meine Grundsätze weichen deiner Liebe!
F: (stürzt aus dem Raum) Das hat mir noch gefehlt! Leb wohl!
P: (folgt ihm) Bleib doch!

Freitag, 5. Dezember 2014

4. Akt, 3. Szene

H - Hofmarschall, F - Ferdinand

H: Sie wollten mich sehen, mein Bester?
F: (murmelnd) Ich wollte einem Verbrecher das Genick brechen. (Laut) Dieser Brief muss Ihnen aus der Tasche gefallen sein und ich durfte ihn zum Glück finden (lacht boshaft). Ein lustiger Zufall.
H: (erschrocken) Sie?
F: Lesen Sie! Lesen Sie! Zum Liebhaber scheine ich ja zu schlecht zu sein, also sollte ich zum Kuppler werden! (Nimmt zwei Pistolen)
H: (hat gelesen und möchte sich davonmachen) Verflucht!
F: Bleib hier. Ich freue mich über die Nachrichten und möchte meinen Finderlohn für den Brief erhalten (Zeigt ihm eine Pistole).
H: Sein Sie vernünftig!
F: Wie er zittert, der Angsthase/der Feigling. Danke Gott, dass du zum ersten Mal etwas in deinen Kopf bekommst. (Der Hofmarschall will verschwinden, aber Ferdinand verriegelt die Tür)
H: Hier im Zimmer?
F: Ein Gang in den Wald lohnt sich nicht mit dir. Außerdem knallts dann umso lauter.
H: Und Sie wollen Ihr Leben aufs Spiel setzen, Sie junger und hoffnungsvoller Mann?
F: Ich habe nichts mehr zu verlieren.
H: Ich aber umso mehr.
F: Du? Was hast du denn zu tun? Du zahmer, dressierter Affe!
H: Egal was Sie befehlen, aber legen Sie die Pistolen beiseite!
F: Er macht dem Menschenwesen Schande! Und mit dem soll ich mir ihr Herz teilen? Unglaublich! (Wütender) Und wenn er Sie entjungfert hat? Wie weit bist du mit ihr gegangen?
H: Lassen Sie mich los und ich will alles verraten! Ihr Vater ...
F: ... hat seine Tochter mit dir verkuppelt? Wie weit kamst du mit ihr? Bekenne!
H: Sie rasen. Ich sah Luise nie. Ich kenne sie nicht einmal. Ich weiß rein gar nichts von ihr.
F: (tritt zurück) Du sahst die nie? Du kennst sie nicht? Du weißt gar nichts von ihr? Du verleugnest sie dreimal in einem Atemzug? Hau ab, du Mistkerl! Für deinesgleichen hat man die Pistolenkugel nicht erfunden!

Donnerstag, 4. Dezember 2014

4. Akt, 1. + 2. Szene



F – Ferdinand, K – Kammerdiener

Ferdinand hält einen Brief in der Hand.
F: War der Hofmarschall nicht da?
K: Der Präsident fragt nach Ihnen.
F: Ich habe gefragt, ob der Hofmarschall nicht da war.
K: Er sitzt drüben am Glückstisch.
F: Er soll sofort zu mir kommen.
Kammerdiener geht ab.
F: Das ist unmöglich. Ein Engel wie Luise kann nicht so ein teuflisches Herz haben. Aber doch … Das also war der Grund, weswegen sie nicht mit mir flüchten wollte. Oh, jetzt verstehe ich alles! Darum brach sie unsere Beziehung ab ohne eine Träne zu vergießen. Alles was sie tat war nur vorgespielt. Diese Lügnerin!

Dienstag, 2. Dezember 2014

3. Akt, 5. + 6. Szene



L - Luise, W - Wurm

L: Wo bleiben denn meine Eltern? Mein Vater wollte schon längst zurück sein … Wenn ihm ein Unfall … Ich sollte mich nicht so ängstigen. Wenn man sich einmal erschreckt hat, so erscheint einem alles viel gruseliger.

W: Guten Abend.

L: Gott! Wer spricht da? Schrecklich! Suchen Sie etwa den Präsidenten? Er ist nicht mehr da.

W: Ich suche Sie.

L: Da muss ich mich ja wundern, dass Sie mich nicht am Pranger gesucht haben.

W: Sie haben einen falschen Verdacht. Ich komme, geschickt von Ihrem Vater.

L: Von meinem Vater? Wo ist mein Vater?

W: Wo er nicht gern ist. Im Turm.

L: Im Turm? Warum das denn?

W: Auf Befehl des Herzogs.

L: Des Herzogs?

W: Der die Verletzung der Majestät in der Person seines Stellvertreters auffällig bestraft.

L: Verletzung der Majestät … Und Ferdinand?

W: Wählt Lady Milford oder Fluch und Enterbung.

L: Eine entsetzliche Wahl! Doch ist er glücklicher. Er hat keinen Vater zu verlieren. Keinen haben ist zwar Verdammnis genug … Ein vorzügliches Verbrechen ist am Laufen. Wo ist meine Mutter?

W: Im Spinnhaus (Frauengefängnis).

L: Jetzt ist es vollkommen. Jetzt wäre ich frei von allen Pflichten, Tränen und Freuden. Und Vorsicht. All das brauche ich nicht mehr. Haben Sie noch eine Nachricht für mich? Jetzt können Sie mir alles sagen.

W: Sie wissen, was geschehen ist.

L: Also nicht, was noch kommen wird? Du treibst ein trauriges Handwerk, mit dem du nie selig werden wirst … Was kann noch geschehen?

W: Ich weiß es nicht.

L: Sie wissen es nicht? Ich sehe, dass sie noch etwas wissen. Sie sagten, der Herzog habe es auffallend bestraft? Was meinen Sie damit?

W: Fragen Sie nichts mehr.

L: Hör! Welches Schicksal erwartet meinen Vater?

W: Ein Prozess um Leben und Tod.

L: Ich danke Ihnen. (verlässt den Raum)

W: Sie wird doch wohl nicht abholen. (Will ihr folgen)

L (kommt zurück, hat einen Mantel geholt): Verzeihen Sie, aber ich muss weg.

W: Wohin denn?

L: Zum Herzog?

W: Was? Wohin?

L: Zu dem Herzog, der über den Tod meines Vaters urteilen lassen möchte. Nicht möchte, muss, weil einige Bösewichte das wollen.

W (lacht): Zum Herzog!

L:  Ich weiß nicht, worüber Sie lachen. Man muss ihm lehren, was Elnd ist.

W: Gehen Sie. Sie können nichts Sinnvolleres tun.

L: Was? Sie raten mir dazu?

W: Wenn Sie sich dem Herzog als Mätresse hingeben, wird er Ihren Vater freilassen.

L: Sterben kann ich für meinen Vater, aber sündigen nicht.

W: Mir sagte er: „Meine Luise hat mich hierher gebracht. Sie wird mich hier auch wieder herausholen.“ Ich werde ihm Ihre Nachricht überbringen.

L: Bleiben Sie! Was soll ich tun?

W: Auch Ihr Vater wünscht es. Schreiben Sie an den Henker Ihres Vaters:

Luise setzt sich.

„Gnädiger Herr, schon drei unerträgliche Tage sind vorüber und wir sahen uns nicht. Halten Sie sich an den Major, der den ganzen Tag über mich wacht.“

L: Nein, nein! Das ist tyrannisch! Macht was ihr wollt! Ich werde das nicht schreiben!

W: Wie Sie wollen.

Pause

L: Diktieren Sie weiter. Ich denke nichts mehr.

W: „Wir haben gestern den Präsidenten im Haus gehabt. Es war lustig, wie sich der Major um meine Ehre sorgte. Ich wurde ohnmächtig, damit ich nicht laut lachte. Aber diese Maske ist schlimm. Wenn ich nur fliehen könnte. Morgen hat er Dienst. Passen Sie ab, wann er von mir geht und kommen Sie an den bekannten Ort zu Ihrer zärtlichen Luise.“
L: Nun fehlt noch die Adresse.
W: „An Herrn Hofmarschall von Kalb.“
L: Nehmen Sie den Brief.
W: Ich bemitleide Sie.
L: Sie wünschen etwas Schreckliches,
W: Ich wünsche Ihre Hand.
L: Ich würde dich in der Brautnacht erdrosseln. Sind wir jetzt fertig?
W: Sie müssen noch schwören, immer zu sagen, dass Sie diesen Brief freiwillig verfasst haben.